Überlieferung
Manna in der Bibel: was im Text wirklich steht
Der Bericht steht in einem einzigen Kapitel und ist kürzer, als viele erwarten. Wer ihn liest, ohne ihn deuten zu wollen, findet vor allem eine sehr genaue Beschreibung und eine offene Frage.

Die Erzählung findet sich im zweiten Buch Mose, Kapitel 16 – im jüdischen Kanon Schemot, in christlichen Bibeln Exodus. Das Volk ist aus Ägypten aufgebrochen, die mitgenommenen Vorräte sind aufgebraucht, es kommt zum Streit. Am folgenden Morgen liegt etwas auf dem Wüstenboden.
Die Beschreibung
Der Text arbeitet mit Vergleichen, nicht mit Begriffen. Das Etwas ist „fein“ und „körnig“, es liegt da „wie Reif“ auf dem Boden. An anderer Stelle heißt es, es sei weiß wie Koriandersamen gewesen und habe geschmeckt wie Honigkuchen. Mehr sagt der Bericht über die Substanz nicht.
Die Leute fragen einander „man hu?“ – nach der verbreiteten Deutung „Was ist das?“. Aus dieser Frage leitet der Text selbst den Namen ab. Damit steht am Anfang des Wortes keine Definition, sondern eine Ratlosigkeit.
Der älteste Bericht über Manna erklärt nicht, was Manna ist. Er hält fest, dass niemand es wusste.
Die Regeln
Interessanter als die Substanz sind im Text die Regeln, die sich um sie legen:
- Gesammelt wird am Morgen, für jeden ein Gomer – ein altes Hohlmaß.
- Wer mehr sammelt, hat am Ende nicht mehr; wer weniger sammelt, hat nicht weniger.
- Aufheben funktioniert nicht: Bis zum nächsten Tag verdirbt der Rest.
- Am sechsten Tag gilt die Ausnahme. Da wird die doppelte Menge gesammelt, und sie hält sich über den Ruhetag.
Der Bericht ist damit weniger eine Nahrungsmittelkunde als eine Erzählung über Maß, Vorrat und Vertrauen. Das Verbot, Vorräte anzulegen, steht auffällig quer zu allem, was Menschen in Notlagen normalerweise tun.
Die naturkundlichen Deutungen
Seit dem 19. Jahrhundert wird versucht, die Beschreibung mit realen Beobachtungen auf der Sinai-Halbinsel in Deckung zu bringen. Drei Vorschläge tauchen regelmäßig auf:
- Ausscheidungen von Schildläusen. Auf Tamarisken leben Arten wie Trabutina mannipura, deren zuckerreiche Tröpfchen an der Luft zu weißlichen Körnchen erstarren. Das passt zur Beschreibung – aber die Mengen sind klein, und die Saison reicht nur von Ende Mai bis in den Juli.
- Harz der Manna-Tamariske. Ebenfalls plausibel im Aussehen, ebenfalls zu wenig, um ein Volk zu ernähren.
- Die Mannaflechte Lecanora esculenta, eine Flechte, die sich vom Untergrund lösen und vom Wind verweht werden kann. Eine ältere Deutung, die heute seltener vertreten wird.
Allen Vorschlägen ist gemeinsam, dass sie die Beschreibung erklären, nicht die Erzählung. Wer den Text als Bericht über eine Notlage liest, wird mit Schildläusen wenig anfangen können; wer ihn als Naturbeobachtung liest, muss die Mengenangaben stehen lassen.
Nachleben
Das Motiv blieb in Gebrauch. Im Neuen Testament greift das Johannesevangelium darauf zurück, wenn vom „Brot des Lebens“ die Rede ist; in der Kunstgeschichte gehört das Manna-Sammeln zu den häufig gemalten Szenen des Alten Testaments – zwei der Bilder auf dieser Seite und in der Rubrikübersicht stammen aus dieser Tradition.
Und im Alltag ist von alledem eine einzige Formel übrig geblieben, die inzwischen völlig losgelöst von ihrer Herkunft funktioniert. Wie das passiert ist, steht in Manna in der Sprache.